30. Okt 2009  •  Michael Hartl  •  Kategorie: interviews  

Dies ist meine zugegebenermaßen sehr verkürzte Lehre aus dem Interview, dass ich mit Prof. Johannes Baumgartner geführt habe. Er gilt als einer der absoluten Experten im Bereich Schweinehaltung. Prof. Baumgartner ist Leiter der Arbeitsgruppe zum Thema Schweine des Instituts für Tierhaltung und Tierschutz an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Er erklärt in diesem Interview, was die Wissenschaft zur heute üblichen Form der kommerziellen Schweinehaltung sagt. Es werden die Themen Vollspaltenboden, Haltung von Sauen im Kastenstand und weitere Aspekte der Zucht und Mast von Schweinen beleuchtet.

In einem zweiten Video geht er sehr ausführlich auf die Frage nach den Schmerzen ein, die Ferkel durch die heute in allen Bereichen angewandte betäubungslose Kastration erleiden.

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    24. Sep 2009  •  Elisabeth Sablik  •  Kategorie: MAST  

Sau im Kastenstand

Im Kastenstand eingepfercht kann die Mutter ihre Ferkel nicht richtig pflegen

In Freiheit sind Ferkeln 4 Monate bei ihrer Mutter, zuerst abseits der Gruppe und dann im Gruppenverband, es entsteht eine sehr innige Beziehung zwischen der Mutter und ihren Kindern. Die kleinen Schweine lernen viel von der Mutter und ihrem sozialen Gefüge.

In der Intensivtierhaltung sieht das alles anders aus. Die Ferkel werden schon nach 3 bis 4 Wochen von der Mutter getrennt und kommen in die sogenannte Vormast. In der Vormast und auch später in der Endmast werden die Schweine in Gruppen gehalten. Bereits mit nur etwa einem Monat sind die kleinen Tiere ganz auf sich alleine gestellt. Die Mutter hatte ihnen, eingesperrt in ihrem Abferkelgitter, zwar nicht viel helfen, ihre Kinder nicht beschnüffeln, lecken oder liebkosen können, , aber sie war zumindest in der Nähe.

Wie schaut das restliche Leben in der Mast aus?

Vollspaltenböden

Unser zuhause für die nächsten vier Monate

Vollspaltenböden erfüllen für ein Schwein keine seiner Bedürfnisse - sie dienen ausschließlich der Arbeitserleichterung für den Mastbetrieb.

Vollspaltenböden sind für die Intensivtierhaltung extrem praktisch – sie sind gleichzeitig auch Entmistungssystem. Der Kot und der Urin sollen durch die Spalten abfließen oder von den Tieren selbst durch die Spalten getreten werden. Die Exkremente sammeln sich direkt unter den Schweinen in einem Güllekanal. Dies stellt für die feinen Nasen der Schweine eine extreme Belastung dar. Schweine haben eine ebenso sensible Nase wie Hunde, niemand in Österreich würde einem Hund so ein Leben zumuten, bei den Schweinen ist es den ÖsterreicherInnen anscheinend egal.. Als zusätzliche Belastung beim Vollspaltenboden kommt die Schadgasentwicklung (Ammoniak) hinzu. Diesen Gasen sind die Schweine ständig ausgesetzt, was häufig zu Atemwegsentzündungen führt.

85,5% der Mastschweine in Österreich leben auf Vollspaltenböden!

Beschäftigungsmaterial

Ein Ferkel wird kastriert

Männliche Ferkel werden in den ersten sieben Lebenstagen ohne Betäubung kastriert

Eigentlich sollte es laut Gesetz in allen Betrieben Beschäftigungsmaterial geben, damit die Schweine – höchst intelligente Lebewesen – etwas zum Spielen haben (gerade bei den noch jungen Ferkeln sehr wichtig). Doch in vielen Betrieben gibt es kein Spielzeug. So wie kleine Kinder gerne spielen, spielen auch kleine Ferkel gerne, doch womit, wenn sie auf kahlem Betonboden stehen? So beginnen sie sich oft mit den Schwänzen der anderen Leidensgenossen zu beschäftigen, knabbern daran, oft beißen sie auch in die Ohren und in die Flanken der anderen Schweine. Dies kann bis zum Kannibalismus führen.

Um dies zu vermeiden, werden die Schwänze der Ferkel häufig schon in den ersten Tagen abgeschnitten. Diese äusserst schmerzhafte Prozedur wird vom Landwirt selbst, ohne Narkose, Schmerzmittel und Nachbehandlung durchgeführt. In Österreich ist dieser Eingriff zwar als prophylaktische Masznahme nicht erlaubt, wird aber oft prophylaktisch durchgeführt. Aber selbst bei gekürzten Schwänzen tritt auf Grund der unerträglichen Langeweile oft noch immer das gleiche Verhalten auf.

Mittlerweile gibt es in einigen Betrieben Beschäftigungsmaterial, meist Eisenketten oder Holzstangen. Doch da Schweine bekanntlich höchst intelligent sind, wird ihnen dieses eintönige, nicht veränderbare Spielzeug bald langweilig. Das beste Beschäftigungsmaterial wäre organisches Material wie zum Beispiel Stroh. Schweine können darin wühlen, sich ein Nest bauen, es essen, es knabbern. Aber Stroh gibt es in den wenigsten Betrieben, da es mit dem Entmistungssystem (Vollspaltenboden) nicht kompatibel ist, es verstopft die Spalten und das Entmistungssystem funktioniert nicht mehr. Dem Betrieb ist die wirtschaftliche Effizienz wichtiger als das Wohl der Tiere.

98,7% der Mastschweine leben ohne Stroheinstreu!
80,3% aller Schweine haben kein Beschäftigungsmaterial!

Platzangebot

Ein weiteres Problem in der Mast ist das mangelnde Platzangebot. Selbst der gesetzlich vorgeschriebene Platz , 0,7m² für ein 110kg Schwein, ist lächerlich: wenn ein 100kg Schwein sich seitlich hinlegt, und die Beine ausstrecken möchte, benötigt es 1m², laut Gesetz sollen dafür 0,7m² reichen.
Schweine, die in Freiheit leben, teilen sich ihren Lebensraum in drei Bereiche: einen Schlafplatz, einen Kotplatz und einen Bereich wo sie mit Nahrungssuche und Nahrungsaufnahme beschäftigt sind. In der Intensivtierhaltung ist das den Schweinen unmöglich. Sie vegetieren auf so engem Raum, dass sie am gleichen Platz aufs Klo gehen, essen und schlafen müssen!

Medikamente

In der Mast bekommen die Tiere viele Medikamente, da sie sonst in der Intensivtierhaltung nicht überleben würden. Gerade durch den Gestank und die Ammoniakbildung der Exkremente, die die Tiere durchgehend einatmen, haben fast alle Tiere Atemwegsbeschwerden, sie husten, schnupfen, einige haben sogar Asthma. Nur durch Zuführung von Medikamenten können die Tiere am Leben gehalten werden.

In 100% der Betriebe gibt es Medikamente!

Unter diesen katastrophalen Bedingungen müssen Schweine – und so auch X15 – dahinvegetieren, bis sie ihr Schlachtgewicht erreicht haben.

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    20. Jul 2009  •  Michael Hartl  •  Kategorie: GEBURT  

Mit nun knapp über drei Wochen trinken X15, X11 und alle Geschwister bereits aus einer an der Wand montierten Trinkvorrichtung. Ebenso versuchen sie schon ab und an vom Futter. Aber auch von Mamas Milch wird nach wie vor genascht.

Langsam steigt auch deutlich sichtbar das Interesse für die Kamera – oder zumindest die Neugier, was denn da in die Bucht gehalten wird.

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    29. Jun 2009  •  Elisabeth Sablik  •  Kategorie: GEBURT  

Schon eine Woche vor der Geburt von X15 und X11 kam das Mutterschwein in eine sogenannte Abferkelbucht. Dort sperrt man sie in ein „Abferkelgitter“, ein körpergroßes Metallgitter. Dieses Metallgitter – 65 cm breit und 190 cm lang- ist wahrhaftig ein Gefängnis – gerade so groß wie das Schwein selbst. Derart eingezwängt, muss sie ihre Kinder zur Welt bringen – auf nacktem Betonboden und eingepfercht in ein Gitter.

In freier Natur bauen Schweinemütter große bequeme Nester, um dort eingebettet die Babies zu Welt zu bringen. Dazu heben sie zunächst eine Grube aus und tragen dann Unmengen an Ästen und weichem Material für das Nest zusammen. In österreichischen Schweinebetrieben, so wie auch in dem hier dokumentierten Betrieb, gibt es keine Möglichkeit ein Nest zu bauen. Das wäre ja nicht „wirtschaftlich“, aus der Sicht des Züchters. Trotzdem zeigen die Schweine oft Nestbauverhalten, d.h. sie graben oder kratzen mit den Beinen am Boden. Aber diesem Grundbedürfnis können die Mutterschweine in herkömmlichen Betrieben nicht nachgehen.

Wenn die Ferkel zur Welt kommen, ist es der von Natur aus sehr fürsorglichen Mutter daher auch unmöglich, sich um ihre Babies zu kümmern. Eingezwängt liegt sie in dem Gitter, kann sich nicht rühren. Die Ferkel können unter den Metallstangen zum Gesäuge der Mutter kommen. Die industrielle Tierhaltung befürchtet, dass ohne Abferkelgitter die Mutter eines der Kinder totbeißen oder beim Niederlegen zerdrücken könnte. Was kein Wunder wäre, bei dieser Haltung! In freier Natur, bei ausreichend Platz und einer wirklichen Beziehung zwischen Mutter und Kind passiert das jedenfalls erwiesenermaßen nicht.

Aber es geht hier, bei genauerem Hinsehen, ja auch wiederum nur um wirtschaftliche Produktion, um Kostenminimierung und Gewinnmaximierung, das Wohl der Tiere ist zweitrangig.

Im Video von der Geburt sieht man deutlich diese Kosten/Nutzenrechnung: Die Ferkel werden geboren und liegen sofort auf dem Vollspaltenboden, am kalten nackten Beton – und die Mutter kann ihnen nicht helfen. Die Mutter möchte Kontakt zu ihren Kindern, sie beschnuppern, lecken, aber all das bleibt ihr verwehrt.

Gruppenhaltung
In dem Betrieb, in dem X15 und X11 zur Welt gekommen sind, dürfen die Muttersauen zeitweilig in einer Gruppenhaltung leben. Ab 2013 ist die Gruppenhaltung von Sauen in Österreich durch das Gesetz sogar für alle Betriebe vorgeschrieben.

Aber was bedeutet diese scheinbare Verbesserung wirklich?
Da es weiter verschiedenste Ausnahmen geben wird, bedeutet dies im Endeffekt, dass sich das Zuchtschwein in einem Zyklus von Geburt bis zur nächsten Geburt 11 Wochen frei bewegen darf, aber 9 Wochen noch immer ihr tristes Dasein im Kastenstand fristet. Fast die Hälfte ihres Lebens werden die Zuchtschweine also auch weiterhin in Einzelhaltung, in einem Gitter eingepfercht leben müssen.

Bei der hitzigen Diskussion über diese sogenannten Verbesserungen, gegen den massiven Widerstand der Landwirtschaft geht oft die zentrale Frage unter:

Was, außer das Recht des Stärkeren, lässt uns diese intelligenten, freundlichen Lebewesen zu reinen, gequälten Geburtsmaschinen degradieren?

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    29. Jun 2009  •  Manfred Haberer  •  Kategorie: GEBURT  

Die Mutter von X15, sowie deren Artgenossen, wurden in dem dokumentierten Betrieb vier Wochen nach dem Decken in Gruppen gehalten. Diese Gruppenhaltung endete eine Woche vor der bevorstehenden Geburt. In Betrieben, in denen weniger als 10 Sauen gehalten werden, dürfen die werdenden Muttersauen für diesen Zeitraum einzeln gehalten werden. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich in ihrer Bucht ungehindert umdrehen können.

Die benutzbare Bodenfläche ist für jedes Tier in einer Gruppenhaltung genau definiert. Bei einer Gruppe bis zu 5 Tieren, schreibt das Gesetz für eine Jungsau 1,85 m² und eine Altsau 2,50 m² vor. Bei größeren Gruppen (über 40 Tiere) reduziert sich diese Fläche sukzessive um fast 20%.

Werden die werdenden Muttertiere einzeln gehalten, dann beträgt das Mindestmaß für eine Jungsauenbucht 1 m².

Eine Woche vor dem Geburtstermin wurde die Mutter von X15 in eine sogenannte Abferkelbucht verlegt. Dort bleibt sie während der gesamten Säugezeit, d.h. bis zum Absetzen der Ferkel. Unter Absetzen der Ferkel versteht man das Trennen der Ferkel vom Muttertier. Die Abferkelbuchten müssen so gestaltet sein, dass die Ferkel ungehindert gesäugt werden können. Bei den meisten Abferkelbuchten ist das Muttertier in einem sogenannten Kastenstand eingesperrt. Hinter dem Kastenstand muss aber genügend Platz frei sein, um ein selbständiges oder unterstütztes Abferkeln zu ermöglichen. Weiters sollte der Kastenstand so konzipiert sein, dass sich die Ferkeln beim Aufsuchen der Zitzen bzw. Kontaktaufnahme mit dem Muttertier nicht verletzen können. Die Mindestfläche der Abferkelbuchten einschließlich des Liegenestes beträgt bei Saugferkel je nach Körpergewicht 4 m² bis 5 m² pro Muttersau.

Im Durchschnitt liegt die Ferkelzahl bei 10 Tieren pro Geburt. Die ersten Anzeichen der bevorstehenden Geburt sind Veränderungen im Vulvabereich des Muttertieres, die etwa eine Woche vor der Geburt auftreten. Der Bereich um die Vulva zeigt eine teigige (=ödematöse) Anschwellung. Ca. sechs Stunden vor der Geburt des ersten Ferkels, setzt reichlicher Milchfluss ein. 24 Stunden vor der bevorstehenden Geburt wird das Muttertier sehr unruhig. Sie zeigt häufigen Lagewechsel sowie Nestbauverhalten. Ungefähr eine Stunde vor der Geburt des ersten Ferkels wird eine Seitenlage eingenommen.

Die Geburt von X15 beginnt am 26.06.2009 um 7.15 Uhr. X15 kommt als drittes Ferkel auf die Welt. Sein Körpergewicht beträgt 1.530 Gramm. Sofort nach der Geburt beginnt er mit seinen ersten Gehversuchen. Zunächst muss sich X15 von der Nabelschnur, die nahe der Plazenta abreißt, trennen. Danach beginnt er bereits seine Umgebung zu erkunden.

Die Mutter von X15 versucht – soweit ihre fixierte Lage es erlaubt, ihre Ferkel in Sichtweite zu haben. Während der Geburt sollte die betreuende Person anwesend sein, um bei Komplikationen sofort Hilfe zu leisten, bzw. den betreuenden Tierarzt zu verständigen. Es ist wichtig, dass jedes Ferkel so rasch wie möglich Kolostrum trinkt. Kolostrum ist ein unmittelbar nach der Geburt von der Milchdrüse abgegebenes Sekret, das höheren Gehalt an Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen sowie Leukozyten besitzt. Die Aufnahme von Immunglobulinen aus dem Kolostrum ist für eine passive Immunisierung der Ferkel von großer Bedeutung. Wichtig ist auch das Vorkommen von Antikörpern gegen stallspezifische Infektionserreger.

Bereits morgen beginnt für X15 und seine Geschwister der Ernst des Lebens.

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