Im Interview mit Menschen für Tierrechte

Menschen für Tierrechte

Robert Kresse von pig-vision interviewt Marion Selig, Tierärztin und stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes Menschen für Tierrechte (MfT) zum Thema Schweinehaltung.

Robert Kresse: MfT arbeitet in Deutschland an einer Tierschutz-Verbandsklage. Was genau ist das und wie könnte diese auch konkret den Schweinen helfen?

Marion Selig: Im Rechtsstaat Deutschland besteht eine gravierende rechtliche Schieflage, was den Tierschutz betrifft: Tierhalter wie z. B. Schweinemäster können gegen vermeintlich zu hohe Tierschutzauflagen durch alle Instanzen klagen. Sie können sich also auf juristischem Weg gegen die (vermeintliche) Verletzung ihrer Rechte wehren, wenn ihnen der Amtstierarzt beispielsweise die Auflage macht, den Schweinen mehr Platz zur Verfügung zu stellen. Tierschützer und Tierrechtler hingegen haben umgekehrt keine Möglichkeit, mehr Tierschutz gerichtlich einzuklagen. Wenn ich der Auffassung bin, dass die Bedingungen in der Schweinemast absolut tierquälerisch sind und gegen das Tierschutzgesetz verstoßen – nach dem Tiere artgemäß untergebracht und versorgt werden müssen –, kann ich weder als Privatperson noch als stellvertretende Vorsitzende für meinen Verband dagegen klagen. Es ist lediglich möglich, Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft einzureichen. Aus Erfahrung wissen wir, dass solche Strafanzeigen fast immer eingestellt werden. Mündliche Verhandlungen mit externen Gutachtern etc. finden praktisch nie statt.

Hier würde die Tierschutz-Verbandsklage abhelfen. Denn sie würde anerkannten Tierschutzorganisationen ermöglichen, stellvertretend und sozusagen als Anwalt der Tiere – denen formal keine eigene Rechtsposition zukommt – vor Gericht zu gehen und zu klagen. Die Tierschutz-Verbandsklage schafft also kein neues Tierschutzrecht, sondern ist unbedingt notwendig, um bereits geltende Tierschutzvorschriften wirkungsvoll durchzusetzen. Wäre die Tierschutz-Verbandsklage eingeführt, könnten Tierschutzorganisationen die derzeitige Haltung von Schweinen gerichtlich überprüfen lassen. Auch eine Klage gegen das betäubungslose Kastrieren der männlichen Ferkel wäre möglich.

Als bislang einziges Bundesland hat übrigens Bremen im Oktober 2007 die Tierschutz-Verbandsklage eingeführt. Neu ist das Verbandsklagerecht nicht: Im Naturschutzrecht, Behindertenrecht und Wettbewerbsrecht ist die Verbandsklage bereits zugelassen und hat sich bewährt.

Robert Kresse: Welche Kritik äußert MfT an der Schweinehaltung allgemein?

Marion Selig: Schweine sind intelligente und gesellige Tiere. Die Mütter bauen vor der Geburt ein Nest. Sie säugen ihre Jungen drei Monate lang. In der Gruppe besteht ein Netz von sozialen Beziehungen, wobei diese zwischen verwandten Tieren besonders eng sind. Schweine suchen gern im Boden nach Samen, Früchten, Wurzeln und Gräsern. Sie suhlen sich gern und erkunden voller Neugier ihre Umwelt. Dies alles können sie in der heute üblichen Schweinehaltung überhaupt nicht ausleben. Dort werden den Ferkeln die Ringelschwänze und die Eckzähne abgekniffen. Die männlichen Ferkel werden kastriert – derzeit ist dies sogar ohne Betäubung in den ersten Lebenstagen zulässig. Die „Mastschweine“ werden in Buchten auf Spaltenböden gehalten – das bedeutet Enge, Gestank und Langeweile Tag für Tag. Die weiblichen „Zuchttiere“ werden zu Gebärmaschinen gemacht, die nur einen Teil der Trächtigkeit mit anderen Schweinen in der Gruppe leben dürfen. Kurz vor und während der Geburt sowie die Wochen danach müssen die Mütter in engen Kastenständen verbringen – in fast völliger Bewegungslosigkeit.

Robert Kresse: Was ist für MfT am meisten an der Schweinehaltung zu kritisieren?

Marion Selig: Letztlich ist die übliche Schweinehaltung insgesamt absolut tierquälerisch und nicht hinnehmbar. Schon das Verstümmeln der Tiere, die dauerhafte Haltung im Stall auf Spaltenböden, oft ohne Einstreu und das Einpferchen der Muttertiere in die Kastenstände bedeuten eine völlig tierwidrige Haltung, in der Langeweile, Verletzungen und Verhaltensstörungen – und damit erhebliches Leiden – vorprogrammiert sind.

Robert Kresse: Wie sieht eine optimale Haltungsform für Schweine aus Sicht von MfT aus?

Marion Selig: Als Tierrechtler hinterfragen wir die (Gefangenschafts-)Haltung von Tieren grundsätzlich. Abgesehen davon, dass Tiere ein Recht auf Leben und Unversehrtheit haben, ist es nicht notwendig, sie zur Lebensmittelerzeugung zu halten und zu töten. Im Gegenteil verursacht der Verzehr von Produkten vom Tier eine Menge Probleme, sowohl was die menschliche Gesundheit als auch den Klimawandel betrifft. Ein Großteil der Treibhausgase entsteht dadurch, dass die Menschen Tiere züchten, töten und essen. Pflanzliche Energie wird außerdem vernichtet und auch sonst eine Menge Energie verschwendet.

Solange Menschen aber noch Tiere halten, sehen wir die Notwendigkeit, die Bedingungen dieser Tierhaltung so gut wie möglich zu gestalten. Für die Schweine würde dies heißen: Leben in Familienverbänden, genügend Platz, Freilauf auf der Weide, Einstreu im Stall, Verbot der Kastenstände, Verbot der betäubungslosen Kastration sowie der Schwanzamputation und des Abkneifens der Eckzähne.

    • tina

      Gibts in Österreich so ein Verbandsklagerecht? Bzw. wird ein solches angestrebt?
      Im übrigen ein sehr gutes Interview, finde ich.

    • > Solange Menschen aber noch Tiere halten,
      > sehen wir die Notwendigkeit, die
      > Bedingungen dieser Tierhaltung so
      > gut wie möglich zu gestalten.

      Und genau das wird dazu beitragen, dass die Tierausbeutung nie abgeschafft wird. Die Reformierung der Tierausbeutung macht sie wirtschaftlich effizienter, sodass die Tierausbeuter noch mehr Tiere für geringere Kosten ausbeuten können, und sie gibt den Verbrauchern ein gutes Gewissen, weil es ja in Ordnung ist Tiere umzubringen, solange das „tierschutzgerecht“ geschehe.
      Wenn man der Tierausbeutungsindustrie wirklich schaden will, muss man ihre wirtschaftliche Basis zerstören, indem man die Menschen vom Veganismus überzeugt. Nur wenn ihr Umsatz einbricht, haben sie irgendwann keine Möglichkeit, ihr Tun fortzusetzen.

    • mia

      Habe das Interview mit großem Interesse gelesen. Danke dafür.

    • HumanAnimal

      @martin:
      Was den systemerhaltenden Charakter dieser Reformen betrifft, gebe ich dir recht, es ist nur eine Frage am Rande:
      du schreibst:
      „Die Reformierung der Tierausbeutung macht sie wirtschaftlich effizienter, sodass die Tierausbeuter noch mehr Tiere für geringere Kosten ausbeuten können“
      Inwiefern? Ich denke eher umgekehrt, dass jede Reform Geld kostet, sowohl in der Einführung als auch dauerhaft.