Auslauf ins Freie und geringere Besatzdichten

Werner Hagmüller

Dr. Werner Hagmüller

Nachdem wir neben dem Darstellen der Leben der zwei Schweine, die wir begleiten, auch Fakten liefern wollen, haben wir ein weiteres Mal mit eine Wissenschaftler ein Interview geführt.

Herr Dr. Werner Hagmüller beschäftigt sich am Institut für Biologische Landwirtschaft und Biodiversität der Nutztiere der LFZ Raumberg-Gumpenstein mit den unmittelbar im Zusammenhang mit der Tiergesundheit in Biobetrieben auftretenden Problemen. Als Leiter des Fachbereiches Schwein liegen seine Schwerpunkte im Bereich der Krankheitsvorbeugung durch alternative Methoden, der Managementverbesserung in der Sauenhaltung, der Weiterentwicklung von Stallungseinrichtungen sowie der Optimierung von Fütterungsrationen für Zuchtsauen und Ferkel. Das Thema Kastration beschäftigt ihn als Tierarzt seit mehr als 5 Jahren sowohl in theoretischer als auch in praktischer Hinsicht.

Somit haben wir einen Experten zum Thema, der uns unsere Fragen beantwortete.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das größte Tierschutzproblem im Bereich Schweinehaltung?

Eine Wertung unter den in der Schweinehaltung als tierschutzrelevant anzusehenden Problemen erscheint mir aus fachlicher Sicht äußerst schwierig. Neben der Kastration ohne Schmerzausschaltung und dem Kupieren der Schwänze halte ich jedoch persönlich die Haltung von Zuchtsauen kurz vor, während und nach dem Abferkeln in Einzelständen („Käfig“ oder „Ferkelschutzkorb“) für eine tierschutzrelevante Belastung. Gerade rund um die Geburt zeigen nicht fixierte Sauen eine Vielzahl an Verhaltensweisen, die bei einer Fixierung nicht ausgeführt werden können (Nestbau, Positionswechsel, freies Aufstehen und Abliegen, ungehinderter Kontakt zu den Ferkeln,…). Eine Fixierung während des Abferkelns bedeutet Stress, was durch hormonelle Rückkoppelung eine negative Beeinflussung des Geburtsgeschehens bedingt. Die Ferkelverluste halten sich bei Systemen mit Fixierung deshalb in Grenzen, weil das Erdrücken durch den Schutzkorb erschwert wird. Freie Abferkelsysteme hingegen kommen dem Verhalten der Sau besonders entgegen. Damit Ferkelverluste verhindert werden, bedarf es einer gut konditionierten Sau (nicht zu fett) mit hervorragenden Mutterinstinkten.

Was sagt die Wissenschaft zu der heute üblichen Verwendung des Kastenstandes für Muttersauen?

Als Zusatz zu der oben bereits angeschnittenen Problematik muss festgehalten werden: Bei professionellem Management belaufen sich die Saugferkelverluste in freien Abferkelsystemen im gleichen Bereich wie in Systemen mit Fixierung. Erfahrungen aus der Schweiz belegen dies mit einer großen Anzahl an ausgewerteten Würfen (z.B. WEBER, R. et al. 2006). Einzig die Ursache für die Verluste differiert. In freien Systemen ereignen sich mehr Erdrückungsverluste als bei fixierten Sauen, Ferkelverluste aus anderen Gründen sind jedoch deutlich reduziert. Voraussetzungen für ein funktionierendes Abferkelsystem ohne Fixierung sind neben dem erhöhten Platzangebot auch eine optimale Klimaführung und die Bereitstellung eines warmen Ferkelnestes.

In welchem Umfang fügt die betäubungslose Kastration den Ferkeln Schmerzen zu? Wie könnten Alternativen aussehen?

Die betäubungslose Kastration stellt einen massiven Eingriff dar. Sowohl der Hautschnitt, als auch das Entfernen der Hoden selbst wird von Schweinen aller Altersgruppen als schmerzhaft empfunden. Auch junge Ferkel unter 7 Tage haben ein voll entwickeltes Schmerzbewusstsein. Neben dem Akutschmerz bei der Operation ist auch der nachfolgende Wundschmerz, der mindestens 24 Stunden andauert, zu beachten. Derzeit wird in Österreich über den Einsatz eines Schmerzmittels zur Dämpfung des Wundschmerzes diskutiert. Aus fachlicher Sicht stellt diese Methode zwar eine Verbesserung im Vergleich zu der derzeitigen Situation dar, bietet jedoch keine Lösung für die Beseitigung des Akutschmerzes.
Der Einsatz von Narkosegeräten mit CO2 oder Isofluran erscheint nach derzeitiger Beurteilung nicht relevant, da CO2 keine Verbesserung für die Ferkel bringt (massiver Stress durch Erstickungsanfälle, zu kurzes Zeitfenster für die OP) und Isofluran derzeit nur von Tierärzten verwendet werden darf. Außerdem ist Isofluran lebertoxisch, fruchtschädigend und trägt zum Ozonloch bei.

Als einzige praktikable, nicht-chirurgische Methoden verbleiben die Impfung gegen Ebergeruch und die Ebermast. Der Einsatz eines Arzneimittels zur Unterdrückung der körpereigenen Hormonbildung ist eine fachlich elegante Methode zur Lösung des Problems. Wie sich die Verbrauchererwartungen mit dieser Methodik in Einklang bringen lassen muss erst abgeklärt werden. Arzneimittelrechtlich handelt es sich bei dem Produkt nicht (wie oft fälschlich angenommen) um ein Hormon, sondern um einen Impfstoff.

Die tiergerechteste Methode stellt die Ebermast dar. Intakte Eber würden bis zu einem Schlachtgewicht von etwa 80 kg gemästet. Damit wird die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von geruchsbelastetem Fleisch deutlich gesenkt. Ohne eine schnelle und zuverlässige Methode zum Auffinden von „Stinkern“ ist diese Alternative jedoch nicht praxistauglich. Entwicklungen laufen zwar auf Hochtouren, bis dato steht jedoch keine „elektronische Nase“ für den breiten Einsatz auf Schlachthöfen bereit.

Wie sieht die optimale Schweinehaltung in Bezug auf das Wohlergehen der Tiere aus?

Nimmt man das Wohlergehen der Tiere zum Maßstab der Bewertung von Haltungssystemen, so erscheint eine Haltung in kleinen Gruppen ohne Einschränkung der Bewegung und unter Anbieten von strukturiertem Gelände und unbefestigtem Boden als optimal. Am ehesten würde eine kombinierte Stall- und Freilandhaltung diesen Wünschen gerecht werden. Unter den Bedingungen einer wirtschaftlich erfolgreichen Schweineproduktion wird ein Kompromiss am ehesten bei der biologischen Landwirtschaft gefunden. Freie Beweglichkeit, ständiger Auslauf ins Freie und geringere Besatzdichten bieten geeignete Voraussetzungen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden von Schweinen. Eine reine Vorgabe von einzuhaltenden Normen garantiert jedoch noch keinen optimalen Tierkomfort. Wie auch bei anderen Tierarten steht auch in der Schweinehaltung die Tierbetreuung über allen technischen Vorgaben. Gute Ausbildung und ein Grundverständnis für die Verhaltensweisen von Schweinen stellen die Grundlage für optimales Wohlergehen der Tiere dar.

    • HumanAnimal

      Im Klartext: die geforderten Tierschutz-Reformen sind in der konventionellen Haltung einfach nicht machbar. Ihr Wesen ist die äußerste Effizienz auf Kosten der Tiere.
      Und bei der Bio-Haltung wird dieses Verhältnis zwar zugunsten der Tiere ein bißchen verschoben, aber bleibt an sich bestehen. Kompromisse über Kompromisse.
      ARTGERECHT IST NUR DIE FREIHEIT.