Die betäubungslose Kastration aus der Sicht der industriellen Tiernutzung

X15 und seine Geschwister waren am Dienstag dieser Woche vier Tage alt. Der Landwirt und seine Frau bereiten alles für das sogenannte „FERKELSERVICE“ vor. Zum Ferkelservice zählt üblicherweise das Kastrieren männlicher Ferkel, die Versorgung mit einem Eisenpräparat, Abschleifen der Zähne sowie das Kupieren des Schwanzes. Sind die Ferkel noch keine 7 Tage alt, dürfen diese Eingriffe auch vom Schweinezüchter selbst vorgenommen werden, andernfalls ist ein Tierarzt notwendig.

Das Schleifen der Eckzähne darf laut Gesetz nur zur Vermeidung von Verletzungen am Gesäuge des Muttertieres durchgeführt werden. Es ist somit eigentlich kein routinemäßiger Eingriff. Außerdem muss man darauf achten, dass die Oberfläche der Zähne glatt und intakt bleibt. Eröffnet man nämlich die Pulpahöhle könnten Bakterien eindringen und somit Ausgangspunkt für eine Erkrankung sein. Dieser Eingriff wird X15 und seinen Geschwistern erspart.

Das Kupieren der Schwänze darf nur durch einen Tierarzt nach wirksamer Betäubung und anschließender Verwendung schmerzstillender Mittel durchgeführt werden. Bei diesem Eingriff darf von Gesetzes her höchstens die Hälfte des Schwanzes entfernt werden. Theoretisch und laut Gesetz darf diese Prozedur nur dann durchgeführt werden, wenn dadurch weitergehende Verletzungen des Tieres verhindert werden können. Damit sind Verletzungen wie das häufig unter industriellen Haltungsbedingungen auftretende „Schwanzbeißen“ gemeint.

In dem Schweinebetrieb, in dem X15 geboren ist, gehört dieser Eingriff nicht zum Ferkelservice.

Doch das Kastrieren männlicher Schweine wird, so wie überall, auch in diesem Betrieb durchgeführt. X15 und seine Brüder werden für den Eingriff vorbereitet. Eine Hilfsperson schnappt sich ein Ferkel, legt es auf den Rücken und fixiert alle vier Gliedmaße. Der Kopf des Tieres wird meistens unter dem Arm geklemmt. Sobald das Ferkel ausreichend fixiert ist, wird das Skrotum(Hodensack) mit einer Desinfektionslösung besprüht und gründlich mit Zellstoff gereinigt. Dann fixiert der Operateur den Hoden zwischen zwei Fingern und setzt einen kurzen Schnitt mit dem Skalpell darüber. Durch leichtes Andrücken quillt der Hoden hervor, sodass die Durchtrennung des Samenstranges erfolgen kann. Nachdem der zweite Hoden auf dieselbe Weise entfernt wurde, werden die Wunden mit einem Spray oder Puder versorgt, um eine lokale antibakterielle Therapie zu gewährleisten. Sind die Saugferkel jünger als sieben Tage, darf das Kastrieren durch eine sachkundige Person ohne Betäubung durchgeführt werden; sind sie älter, darf der Eingriff nur durch einen Tierarzt (oder einen Viehschneider), und nur nach wirksamer Betäubung und anschließender Verwendung schmerzstillender Mittel durchgeführt werden.

Nach der Kastration folgt noch eine Injektion hinter dem Ohr, bei der den Ferkeln Eisen gespritzt wird, sodass sie genügend Eisen für die Synthese von Hämoglobin (roter Blutfarbstoff), Myoglobin (roter Farbstoff der Muskulatur) und eisenhaltigen Enzymen haben. Der große Eisenbedarf in den ersten Lebenswochen ist durch die wachstumsbedingte  hohe Blut- und Muskelzunahme bedingt.

Damit ist das Ferkelservice für X15 und seine Geschwister beendet.

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    • tina

      Wer ist denn der Autor dieses Artikels? (Weil ja steht „aus Sicht der industriellen Tiernutzung“?)

    • Autor der Artikel, die das Ganze aus Sicht der industriellen Tiernutzung beschreiben, sind von einem Tierarzt, der schon lange Zeit Schweinezucht- und Mastanlagen betreut und auch viel Erfahrung beim Schlachthof gesammelt hat. In seinen Artikeln geht es oft stark um die Gesetze und Regeln, die einzuhalten sind. Dort geht es also, wie in der industriellen Landwirtschaft leider sehr üblich, fast nur um Zahlen, Werte, Produktionsmerkmale…

    • Und hier, der Vollständigkeit halber, nun auch die Sicht der Wissenschaft auf die Kastration ohne Betäubung (2. Video)
      http://www.pig-vision.com/2009/10/30/die-heute-ubliche-schweinehaltung-ist-nicht-artgerecht/